Erster Schuss. Zweiter Schuss. Stille.
Am Morgen hallten die Schüsse wie ferne Donnerschläge durch die ruhige Stadt Perth – ein seltener Klang in dieser verschlafenen Gegend, wo das letzte bekannte Verbrechen aus dem Jahr 1437 stammte und mit einem Thronfolgestreit im Dominikanerkloster verbunden war. Doch diesmal war es anders. Diesmal sickerte die Bedrohung in die Straßen und hinterließ die Stadt wie eingefroren im Schrecken.
Für einen kurzen Moment der Stille, in dem vermutlich alle Patienten und Ärzte des Krankenhauses in eine vom limbischen System ausgelöste Schockstarre fielen, konnte man am Ende des menschenleeren Flurs sogar das Krankenhausradio hören.
»Flüchtiger Mörder im Krankenhaus Perth. Schüsse sind gefallen. Bitte begeben Sie sich ruhig und geordnet in Sicherheit.«
Dann brach Panik aus, und die Schockstarre verwandelte sich in einen Zustand, den man nur als »Flucht« bezeichnen konnte.
Währenddessen versuchten die Ärzte, die Menschen zu beruhigen und eine Stütze inmitten des Chaos zu sein. Die Stadtwache wurde umgehend alarmiert und war so schnell wie möglich am Tatort.
Bald waren die Gesetzeshüter eingetroffen und errichteten Straßensperren, um neugierige Beobachter vom Krankenhaus fernzuhalten und die Zivilisten vor dem Flüchtigen zu schützen. Doch vor dem Eingang zum Krankenhaus vermischten sich Hektik, Angst und Panik. Psychologen betreuten schwer traumatisierte Menschen, die durch die Unruhe einen Nerven- zusammenbruch erlitten hatten.
Gleichzeitig standen ahnungslose Spazier- gänger, die das Geschehen aus der Ferne beobachtet hatten, verwirrt an Ort und Stelle und starrten in die aufgebrachte Menge.
Die örtliche Polizei versuchte ebenfalls, die aufgescheuchten Menschen mithilfe einiger Spezialeinheiten, die sich Zugang zum Gebäude verschafften, zu beruhigen, während der Offizier Verstärkung aus Edinburgh anforderte.
Sie wussten nicht, womit sie es zu tun hatten, und evakuierten vorsorglich die Patienten, um sie in Sicherheit zu bringen. Keine Stunde war vergangen, bis das gesamte Gebäude menschen- leer war – doch vom Flüchtigen fehlte jede Spur.
Die Patienten, insbesondere jene in Lebens- gefahr, wurden in andere Krankenhäuser geflogen, um dort die notwendige Versorgung zu erhalten. Allerdings führte dies zu einem erheblichen Platzmangel, da die Kapazität an Krankenbetten nicht für alle ausreichte.
Im Aufenthaltsraum eines der Krankenhäuser unterhielten sich einige Frauen, die zuvor Teil der panischen Menge gewesen waren und nun auf ein freies Zimmer warteten.
»Dieser Feigling läuft immer noch frei herum und mordet womöglich weiter!«, rief mit rauer Stimme eine alte Frau, die im Rollstuhl saß.
»Wo wird er wohl als Nächstes sein Unheil treiben?«, fügte eine andere hinzu, bevor sie in einen heftigen Hustenanfall ausbrach. Ihr Gesicht war blass, und sie konnte sich kaum auf den Beinen halten.
»Komm, setz dich, Liebes! Diese ganze Aufregung hat dich völlig durcheinander- gebracht.«
Dann kam eine Meldung von der Spezial- einheit im Krankenhaus, die Besorgnis auslöste. Zwar gab es keine Verletzten, doch ein Psychologe war in seinem Behandlungszimmer tot aufgefunden worden.
Der Täter hatte seine Arbeit schlampig erledigt. Der schwerwiegendste Fehler war jedoch der Mord an einem Psychologen, der offensichtlich als Patient getarnt war. Die Tat wirkte ungeplant, denn im Terminkalender des Opfers war für die betreffende Uhrzeit nur ein einziger Termin eingetragen. Alles deutete darauf hin, dass der Täter ein Ersttäter war – vielleicht ein Mord im Affekt? Oder doch Totschlag?
Schon bald konnte der Täter identifiziert und ohne großen Aufwand aufgespürt werden. Der Offizier beantragte einen Durchsuchungsbefehl, damit er und seine Kollegen das Haus des Täters durchsuchen und die notwendigen Beweise sichern konnten, bevor dieser vor Gericht gestellt werden würde.
Sobald die nötigen Dokumente freigegeben waren – was beinahe Stunden gedauert hatte— , fuhren die Ermittler zum Haus des Täters. Die Spezialeinheit begann mit dem Vorrücken zur Wohnung, während die Polizei die Umgebung absicherte.
An den Wänden des Gebäudes kletterten Efeublätter das Gemäuer hinauf und umrahmten ordentlich die Fenster. An einer Stelle der Mauer war der Putz abgeschabt, als hätte jemand immer wieder sein Fahrrad dort angelehnt. Das Grauen setzte sich erst tief in den Nacken, als sie das Gebäude betraten.
Es stank nach faulen Eiern und Erbrochenem, was das Bild des Mörders noch grotesker machte. Die abgehetzten Holzstufen knarzten unter den schweren Schritten. Dort oben, hinter der letzten Tür, lag die Grube des Mörders – seine Wohnung.
Die Tür wurde aufgebrochen, und die Räume wurden durchsucht, bis sie den Täter finden würden. Schimmel bedeckte die Wände in der Küche und im Bad. Auf dem Esstisch türmte sich benutztes Geschirr, dessen Essensreste bereits vor sich hin moderten.
Auf der Couch lag eine angebrochene Pizza, die darauf wartete, gegessen zu werden. An der Tür zum Zimmer des Täters prangte ein blutiger Handabdruck auf dem Birkenholz.
Auf dem Boden lag eine schwarze Desert Eagle, die noch vier Patronen geladen hatte. Das Bild, das sich vor dem Offizier zeichnete, wirkte wie aus einem schlechten Horrorfilm: Blut strömte aus einer Einschusswunde am Kopf des Täters. In seiner Hand hielt er einen gefalteten Zettel, und eine noch frische Träne rollte über seine Wange. Die Leiche war noch nicht lange tot; sogar der Schweiß auf seiner Stirn war deutlich zu erkennen.
Somit waren zwei Leichen an jenem Tag: Eine ermordet aus erster Hand. Die andere bemalte die eigene Wand.
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