Leseprobe aus "Die Narben unserer Liebe"

Prolog

 

»Sie haben eine Borderline-Persönlichkeitsstörung.«
Die Welt steht für einen Augenblick still. Zumindest denke ich das. Aber in Wirklichkeit fällt nur meine Welt aus dem Gleichgewicht. Wieso überrascht es mich so sehr? Damals, vor ungefähr zehn Jahren hat mir schon einer meiner gefühlt dreißig Ex-Freunde gesagt, dass ich wirkte, als hätte ich Borderline. Später teilte mir auch noch ein Freund und Kollege aus der Band, die ich gegründet habe, mit, dass ich mich komisch verhalten hätte. Er vermutete, dass ich eine Persönlichkeitsstörung hätte, denn meine Stimmungen schwankten von einem Extrem in das Andere.
Ich lachte jeden aus, der mir eine Krankheit aufbürden wollte, die ich meiner Meinung nach gar nicht hatte. Doch jetzt habe ich eine Diagnose. Es steht schwarz auf weiß, dass ich diese Störung habe.
»Wie geht es Ihnen jetzt damit?«, fragt mich die Psychologin, die in dieser Psychiatrie arbeitet, wohin ich auf Empfehlung einer Freundin gegangen bin.
Mir steckt noch immer ein Kloß im Hals, der nur schwer runterzuschlucken ist. Deshalb nicke ich.
»Sie haben ja beim letzten Mal erzählt, dass Sie vorhaben, nach Deutschland zu Ihrem Freund zu ziehen. Ist das korrekt?«
Ich nicke erneut. Durch meine verschwommene Sicht kann ich sie nur noch vage erkennen. Sie trägt, wie alle hier, einen weißen Kittel, hat braune kurze Haare und ihre Notizen auf dem Oberschenkel, auf die sie immer wieder schaut.
»Suchen Sie dann eigenständig nach Therapiemöglichkeiten, denn eine Therapie wird in Österreich dann nicht mehr möglich sein.«
Der Kloß in meinem Hals wird immer größer. Ich wurde bisher nie ernst genommen von den Therapeuten, wieso sollte es jetzt anders sein? Und trotzdem nicke ich. Was bleibt mir schon anderes übrig?
»Gut. Die Medikation, die Ihr Hausarzt verschrieben hat setzen Sie, wie mit der Kollegin besprochen, fort. Falls Sie in Krisensituationen Hilfe benötigen, können Sie sich jederzeit bei der Krisenhotline melden.« Sie beugt sich zur Seite über den Tisch, um eine kleine Karte, mit der Notfallnummer drauf, aus dem Ständer zu entnehmen und sie mir zu überreichen.
»Danke«, krächze ich.
Die Leere in mir breitet sich aus wie ein Lauffeuer. Eigentlich sollte ich erleichtert sein, aber stattdessen bin ich am Boden zerstört. Am liebsten würde ich dieses Gefühl auf den extremen Mangel an Vitamin D schieben, den mein Hausarzt vor wenigen Tagen festgestellt hat, aber das ist es nicht nur. Sondern auch, dass ich ab sofort in einem neuen Land sein werde, und mich auf neue Therapeuten einlassen muss.
Die Psychologin erhebt sich, legt ihre Notizen beiseite und streift dann ihren Kittel glatt. »Es hat mich wirklich sehr gefreut, Tessa«, sagt sie mit warmer Stimme, dann streckt sie mir ihre Hand entgegen. »Ich wünsche Ihnen alles gute und passen Sie auf sich auf.«
Ungeschickt erhebe ich mich ebenfalls, lege dabei die Zettel mit der Karte mit der Notrufnummer beiseite, die ich alle von ihr bekommen habe, und nehme ihre Hand entgegen. »Danke«, flüstere ich beinahe, so belegt ist meine Stimme.
Ich ziehe meine Jacke an, denn es ist Winter und draußen hat es Minusgrade, lege meinen Schal um meinen Hals, nehm die Zettel und meine Tasche, dann verschwinde ich aus dem Zimmer.

©Denise Schumergruber. Alle Rechte vorbehalten.

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